(Auszug aus dem Vorwort zur Publikation „Spirit of Nature Wood Architecture Award“) – Otto Kapfinger
Hermann Kaufmann selbst sieht sich ausdrücklich in der im Bregenzerwald weit zurückreichenden Handwerkstradition, - Tradition nicht im Sinne von historischem Formgut sondern in der Kontinuität einer probaten, geistigen Haltung. Das Handwerk ist eine Denkschule, sagt er, die beste und nachhaltigste: Sie lehrt uns konkret, unerbittlich und wunderbar die konzise Beachtung der materialtechnischen Logik, also die innere Komponente guten Arbeitens - WIE und WORAUS etwas gemacht wird, und sie lehrt uns auch die kulturtechnische Vernunft, die äußere Richtschnur sinnvollen Werkens und Gestaltens - WARUM und WOFÜR etwas gemacht wird. Die strukturelle Lehre des Handwerks liegt in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Material: Jede technische und formale Entscheidung wird da sofort und streng an ihrer Tauglichkeit im Herstellungs- und Anwendungsprozess gemessen - und zwar nicht nur auf den Moment bezogen, sondern in die Zukunft gerichtet. Man fragt automatisch immer danach, wieweit jede Idee, jede neue oder veränderte Anwendung dazu beträgt, das Knowhow insgesamt weiterzubilden, es für multiple künftige Anwendungen zu ertüchtigen, zu verbessern, zu erweitern, zu standardisieren.
Das Handwerk lehrt uns weiters die Intelligenz der Ökonomie im Materialaufwand, in der Bearbeitung, in der Benutzung – mit minimalem Aufwand ein maximales Resultat, eine maximale Leistung zu erzielen. Alles was Verschwendung erfordert oder nach sich zieht, ist im handwerklichen Ethos obsolet. Und umgekehrt kommt das größte Vergnügen, die echte Effizienz und Schönheit dann zustande, wenn eine Sache wirklich intelligent und gewitzt im Sinn der genannten Werte konstruiert, gedacht und gemacht ist. Ein guter Handwerksbetrieb erschöpft sich nicht in der Repetition des einmal Bewährten und ewig Gleichen, sondern erhält sich vital und zukunftssicher über ständiges kontrolliertes Experimentieren, - aber nicht Experimentieren um seiner selbst willen, sondern geschärft am konkreten Anlass, ausgerichtet auf Optimierung, auf Erweiterung, auf Ausdifferenzierung des ganzen Systems.
So gesehen ist das Handwerk ein vom Menschen erfundenes und entwickeltes, evolutionäres System, parallel zu den evolutionären Prozessen der Natur. All das ist nicht neu, wurde von bedeutenden Baukünstlern, technischen und kulturellen Reformern längst erkannt, immer wieder angesprochen. Ich habe das gleichsam mit der Muttermilch mitbekommen, durch die vielen Diskussionen zwischen meinem Vater und meinem Onkel, in der täglich präsenten Wirklichkeit der Holzbetriebe der Verwandtschaft, durch den immer noch spürbaren bergbäuerlichen Pragmatismus in unserer Region, im Bregenzerwald.
Die Stärke der Vorarlberger Bauszene lag und liegt in der strukturellen Auffassung, in der Entfaltung des Raumes aus der Konstruktion, aus ihrer Materialität, aus dem Gebrauch. Das Erfolgsrezept und das Besondere an dieser Architektur war und ist zum Teil immer noch, nicht das Besondere zu wollen, sondern optimale Standards für das Alltägliche.
Hermann Kaufmann ist ein herausragender Exponent dieser Szene und dieser Haltung. Sein gesamtheitliches Berufsbild, in seiner vom Holzhandwerk geprägten Biografie begründet, beginnt und endet nicht bei „schöner Architektur“, sondern definiert modernes Bauen als Teil des verantwortlichen Umgangs mit Natur, mit Landschaft, mit den Ressourcen der Biosphäre. „So komplex wie nötig, und so einfach wie möglich“ ist das Motto, das Walter Zschokke der Architektur des inzwischen zum Holzbauprofessor, zum vielfach Ausgezeichneten und internationalen Experten Avancierten zuschrieb. Kaufmann selbst bringt diese heute so schwierig gewordene, so dringend nötige Synthese von handwerklich-industrieller Technik und nachhaltiger Baukunst lapidar auf den Punkt:
Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, ich bin ein Architekt, der in der Werkhalle, auf der Baustelle fast mehr zuhause ist als im Atelier, am Zeichentisch. Und das Spiel zwischen diesen beiden Welten geht dann so: Der Architekt achtet darauf, dass das Einfache nicht banal wird, - und der Handwerker schaut darauf, dass das Einfache nicht kompliziert wird. Der von Hermann Kaufmann als Hochschullehrer und Architekt hochgeschätzte Ernst Hiesmayr hat einmal formuliert: “Das kulturelle Niveau ist eine Gemeinschaftsleistung von Gesellschaft, Handwerkern und Entwerfern. Die Handwerker haben die Ressourcen dieser Welt immer auf das Sparsamste genutzt. Sie sind der ökologische Zukunftstyp.” Und Hiesmayr hat den Erfolg der neuen “Vorarlberger Bauschule” so begründet: “Durch den Realitätssinn der Menschen, der Planer und einer aufgeschlossenen Mittelschicht ist es trotz zähen Widerstandes gelungen, eine Entwicklung einzuleiten. Handwerksarchitektur wurde betrieben und nicht die in den Versuchslabors aufgekochte Kunstarchitektur. So ist die Anknüpfung an die Tradition gelungen, ohne das heutige Leben zu verleugnen.”